Großes Haus, viele Inszenierungen
Ein Opernhaus spielt in einem Jahr ein Dutzend Produktionen. Jede hat ihre eigene Regie, ihr eigenes Bühnenbild, ihren eigenen Premierenabend. Und trotzdem entsteht der Erfolg einer Spielzeit nicht dort, sondern zwischen den Abenden: in einer Handschrift, die sich aufbaut, in einem Ensemble, das über die Produktionen hinweg wächst, in einem Publikum, das irgendwann kein Einzelticket mehr kauft, sondern ein Abonnement.
Zwölf erfolgreiche Projekte, kein spürbarer Nutzen
Das ist kein Planungsfehler. Das ist eine fehlende Ebene.
Diese Reihe erzählt Programm-Management entlang einer einzigen Spielzeit und einer einzigen Person: einer Intendantin, die nichts inszeniert und trotzdem für alles geradesteht. Vom leeren Spielplan im Sommer bis zur leeren Bühne nach der letzten Vorstellung. Charter, Governance, Beteiligte, Kapazität, Abhängigkeiten, Risiko, Änderungen, Nutzen, Abschluss – jedes Thema an einem konkreten Tag in ihrem Jahr.Im Opernhaus gibt es zwei Fragen, und sie werden ständig verwechselt. Die eine lautet, wie diese «Tosca» auf die Bühne kommt – überzeugend, pünktlich, im Budget. Die andere lautet, ob sie überhaupt gespielt wird.
Zehn Geschichten, die jeweils einen Aspekt dieses Themas behandeln. Alle sind als Artikel und als Podcast verfügbar und erscheinen in den nächsten Monaten schrittweise hier.
Neun Texte
Die Stille vor der ersten Probe
Programm-Management
Aus «Die Stille vor der ersten Probe»
Leseprobe
Am ersten Arbeitstag einer neu berufenen Intendantin steht selten eine Antrittsrede im Kalender. Meistens steht dort ein leerer Spielplan an der Wand: zwölf Felder, ein Jahr, kein einziger Titel eingetragen.
Ein einzelnes Feld ist eine Produktion: eine Regie, ein Bühnenbild, ein Premierenabend, ein Applaus, der verklingt. Das ist das Projekt – befristet, mit einem klaren Ziel, verantwortet von einer Person, die genau diese eine Aufführung zum Erfolg bringen soll. Die gesamte Geschichte des Hauses dagegen, jede Spielzeit seit der Gründung, die Frage, ob dieses Haus in zehn Jahren noch Wagner oder eher zeitgenössisches Musiktheater spielt, gehört dem Kuratorium. Das ist Portfolio, und diese Ebene überlebt jede einzelne Intendanz – manche Häuser planen ihren «Ring» in Zyklen von zehn, fünfzehn Jahren, lange bevor die aktuelle Intendantin überhaupt erwogen wurde.
Dazwischen steht die Spielzeit: zwölf Felder, die eine Person verantwortet, ohne jedes davon selbst zu inszenieren, und ohne über das Haus als Ganzes zu entscheiden. Das Projekt fragt nach dem einzelnen Abend. Das Portfolio fragt nach dem Jahrzehnt. Das Programm fragt nach den zwölf Monaten dazwischen – dem Moment, in dem man zurückblickt und prüft, ob aus einzelnen Abenden tatsächlich eine Saison geworden ist. Das zeigt sich nicht an einem einzelnen Kritikerurteil, sondern daran, ob das Publikum am Ende nicht nur eine Karte kauft, sondern ein Abonnement – weil es der ganzen Spielzeit vertraut, nicht nur einem Abend.