Mein Zimmer liegt im dritten Stock, hat kein Fenster zur Straße und steht auf keinem Plan, den man Besuchern in die Hand gibt. Ich bin die Leiterin des Besetzungsbüros. Ich singe nicht, ich dirigiere nicht, ich entscheide nichts. Ich weiß nur als Erste, was nicht geht.
Die Geschichten in diesem Band habe ich aufgeschrieben, weil ich bei allen dabei war. Vorkommen werde ich darin trotzdem nicht. Das hat nichts mit Bescheidenheit zu tun. Wer meine Arbeit macht, steht nie im Zentrum eines Vorgangs, sondern immer daneben, mit einem Kalender auf den Knien, und diese Stellung ist zu genau, um sie für eine bessere Erzählung aufzugeben. Wo mein Büro auftaucht, heißt es deshalb schlicht das Besetzungsbüro. Man sagt im Haus ohnehin nicht, ich hätte etwas gesagt. Man sagt, die Disposition habe etwas gesagt, als spräche ein Möbelstück. Ich habe mich daran gewöhnt.
Wer in diesem Band spricht, sind die anderen. Jedes Kapitel beginnt mit einer Zeile, die sagt, wer diesmal danebensteht und wie er zur Sache kommt – ein Besetzungszettel, nicht länger als der im Foyer. Danach meldet sich diese Person im Verlauf des Kapitels zu Wort, und ihre Einwürfe stehen abgesetzt vom übrigen Text. Sie erklären nichts. Sie widersprechen, sie rechtfertigen sich, sie geben gelegentlich zu, dass sie es hätten wissen können. Genau deshalb sind sie da: Über Ressourcen wird selten sachlich gestritten, weil an ihrem Ende immer ein Mensch steht, der von der Entscheidung erfährt.
Einmal ist es die Intendantin, die einen Spielplan entworfen hat. Einmal der Chordirektor, der an einem Nachmittag neun Bewerber anhört. Einmal der Generalmusikdirektor, der in wenigen Sekunden etwas entscheidet, wofür anderswo ein halbes Jahr vergeht. Und am Ende eine Sängerin, über die alle vor ihr verfügt haben, dieses Büro eingeschlossen.
Namen bekommt hier niemand, wie schon in den Bänden zuvor. Es gibt den Vorsitzenden des Kuratoriums, im selben Sessel wie eh und je. Es gibt die Leiterin der Bühnenbildwerkstatt, den technischen Direktor, die Beleuchtungsmeisterin. Rollen halten länger als Namen, im Theater wie anderswo – und in einem Band über Besetzung ist das keine Marotte, sondern das Thema selbst.
Zwei Zeilen im Protokoll
Es spricht die Intendantin. Sie ist seit zwei Spielzeiten im Amt, hat diesen Spielplan innerhalb der Reihenfolge entworfen, die das Kuratorium vorgibt, und steht bis heute dazu.
«Diesen Spielplan habe ich so entworfen, und ich entwerfe ihn wieder so. Man baut keine Spielzeit, indem man zuerst fragt, was nicht geht.»
Der Spielplan für die kommende Saison bekam an einem Dienstag im März seine endgültige Gestalt, in einem Raum mit zu wenig Luft und zu vielen Stühlen. Zwölf Titel hingen an der Wand, jeder auf einem eigenen Blatt, und über jeden einzelnen war gut nachgedacht worden. Es gab eine Linie. Es gab einen Barockabend. Es gab ein Werk, das seit achtzehn Jahren nicht gespielt worden war und das der Vorsitzende des Kuratoriums seit ebenso langer Zeit erwähnt. Die Reihenfolge, in der die großen Werke ins Repertoire zurückkehren, stand ohnehin fest; verhandelt wurde, was innerhalb dieser Ordnung in welchem Monat liegt.
Am Ende des Tisches saß das Besetzungsbüro mit einem Kalender. Gefragt wurde es nicht.
Seit Anfang Februar stand dort, dass zwei dieser zwölf Abende so nicht stattfinden würden. Nicht wegen des Geldes. Weil eine einzige Sängerin beide tragen sollte und im November in Mailand steht, was seit zwei Jahren feststeht. Gesagt worden war es dreimal, zweimal im Flur und einmal in einer Mail, die freundlich beantwortet wurde. An diesem Dienstag wurde es ein viertes Mal gesagt, in zwei Sätzen, mit der Bitte, sie ins Protokoll aufzunehmen. Sie standen am Ende auch darin. In kleiner Schrift.
«Zwei Sätze am Ende einer vierstündigen Sitzung. Ich erinnere mich nicht an sie. Das ist keine Entschuldigung, das ist der Punkt.»
Die Reihenfolge
Das ist keine Nachlässigkeit, sondern eine Reihenfolge, und sie steht fast überall verkehrt herum. Erst wird ausgewählt, dann wird besetzt. Eine Runde tagt, eine Liste entsteht, jeder Titel bekommt einen Monat, und danach geht die Liste an diejenigen, die herausfinden sollen, wer das alles machen soll.
Es ist ungefähr so klug, den Spielplan zu drucken und anschließend zu erkunden, wer im Ensemble ist. Es geschieht trotzdem, und nicht aus Dummheit, sondern weil die Auswahl der schönere Teil der Arbeit ist. Über zwölf Titel lässt sich streiten, schwärmen und abstimmen. Über einen Kalender lässt sich nur feststellen, was darin steht.
Eine Auswahl ohne Besetzungsbild ist aber keine Entscheidung. Sie ist eine Wunschliste mit Rangfolge. Beschlossen heißt nicht besetzt, und dazwischen liegt der ganze Unterschied zwischen einer Spielzeit und einer Absicht. Geld lässt sich verschieben, aufstocken, im Notfall erbitten. Menschen nicht. Ein Haus kann die Gage erhöhen; eine zweite Isolde für denselben Abend kann es nicht erfinden.
«Wenn mir jemand im März sagt, dass zwei von zwölf Abenden wackeln, verdirbt er eine gute Stimmung mit einer Auskunft, die sich erst im November überprüfen lässt. Ich habe geglaubt, es sei Vorsicht. Es war Wissen.»
Was in diesem Zimmer liegt
Der Kalender, der an jenem Dienstag auf dem Tisch lag, ist kein Adressbuch. Er ist ein Bild: wer im Haus ist, was diese Menschen wirklich können, wo sie im November stehen, wer in dieser Spielzeit schon zweimal eingesprungen ist und wer seit einem Jahr auf eine größere Partie wartet. Das ist keine Verwaltung. Das ist die einzige belastbare Auskunft darüber, was eine Spielzeit überhaupt hergibt.
Damit dieses Bild trägt, muss es zweierlei leisten. Es muss die Nachfrage kennen, und zwar nicht erst die beschlossenen Produktionen, sondern die, über die noch beraten wird. Ein Besetzungsbild, das erst nach der Entscheidung befragt wird, kann bestenfalls den Schaden beziffern. Und es muss aktuell sein, was banal klingt und in Wahrheit die ganze Arbeit ist. Ein Kalender, der einmal im Jahr entsteht, beschreibt eine Spielzeit, die es nicht mehr gibt. Wo niemand ihn wöchentlich abgleicht, führt am Ende jeder seine eigene Liste, weil er der gemeinsamen nicht traut.
Ein Vetorecht folgt daraus nicht. Was folgt, ist die Reihenfolge: Der Kalender gehört auf den Tisch, bevor die Blätter an der Wand hängen. Ein Spielplan, der seine Kapazität kennt, muss selten streichen; er kann staffeln. Die Neuproduktion im März statt im Oktober, weil im Oktober die halbe Belegschaft in der Wiederaufnahme steckt – das ist keine Absage, das ist ein Termin. Wer dieselbe Auskunft erst im September bekommt, hat keine Wahl mehr, sondern nur noch einen Schaden.
«Staffeln hätte ich gekonnt. Im März kostet das eine Verschiebung, im September einen Abend. Den Wechselkurs kannte ich. Ich habe nur geglaubt, er gelte diesmal nicht.»
Dieselbe Person, drei Fragen
In einem Haus wird derselbe Mensch von drei Seiten betrachtet, und jede fragt etwas anderes. Die Produktion fragt, wen sie braucht. Die Spielzeit fragt, wen sie teilt. Das Haus fragt, wen es überhaupt gibt. Die dritte Frage ist die unbequemste, weil nur sie eine ehrliche Antwort erzwingt, und sie wird in Sitzungen am seltensten gestellt.
Im November fehlte der ersten der beiden Produktionen ihre Sängerin. Es wurde ein Abend daraus, an dem eine Zweitbesetzung sang, die nie mitgeprobt hatte, und sie machte ihre Sache besser, als sie musste. Im Foyer hieß es hinterher, man habe Pech gehabt. Im dritten Stock lag ein Protokoll vom März, in dem zwei Zeilen standen, in kleiner Schrift.
«Beim nächsten Mal frage ich, bevor die Blätter an der Wand hängen. Vermutlich sage ich das von jetzt an jedes Jahr einmal.»