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Die agile Oper

«Eine Oper kann man nicht agil produzieren.» Der Satz klingt vernünftig, wird zuverlässig benickt und ist trotzdem falsch. Kaum eine Branche hat so schamlos iteriert wie das Musiktheater.

Mailand, 17. Februar 1904. «Madama Butterfly» geht an der Scala unter – Pfiffe, Gelächter, Tierlaute aus dem Rang. Puccini zieht die Partitur noch am selben Abend zurück. Er streicht, teilt den zweiten Akt, schreibt dem Tenor eine Arie hinein. Drei Monate später, Brescia: Triumph. Release, Feedback, überarbeitete Fassung, nächster Release. Nur dass dafür niemand ein Board brauchte.

Was er nicht getan hat: Karten für den halben zweiten Akt verkaufen und das ein Minimum Viable Product nennen – die kleinste Fassung, die jemand tatsächlich benutzen kann.

Genau hier liegt der Unterschied, den die meisten Projekte verwechseln. Iterativ heißt: dasselbe Ganze wird besser. Inkrementell heißt: ein fertiges Stück geht raus und ist für sich brauchbar. Agilität braucht beides, vor allem das Zweite. Eine Opern-App kann inkrementell wachsen – Spielplan, dann Ticketkauf, dann Streaming; jede Stufe nützt jemandem. Ein zweiter Akt nützt niemandem. Er ist kein Inkrement, er ist ein Torso.

Das eigentliche Ärgernis ist ein drittes. In vielen Projekten heißt agil weder iterativ noch inkrementell, sondern: kein Plan, dafür Vokabular. Es gibt Sprints ohne Sprintziel. Es gibt ein Backlog, das eine Wunschliste ist. Es gibt Reviews, in denen nichts Vorführbares vorgeführt wird – und die Frage, wann etwas fertig ist, gilt als unagil. Das ist keine Methode. Das ist eine Ausrede im Kostüm.

Dabei erteilt ausgerechnet die Oper die härteste agile Lektion. Der Premierentermin steht. Die Qualität steht auch. Beweglich ist nur der Umfang: Striche, Kürzungen, eine Szene weniger. Feste Zeit, feste Qualität, variabler Inhalt – Lehrbuch. In Projekten wird es andersherum gemacht: Umfang unantastbar, Termin nachverhandelt, Qualität still geopfert.

Ein einziges Mal wurde eine Oper unfertig gezeigt. Mailand, 1926, «Turandot». An der Stelle, an der Puccinis Manuskript abbricht, legte Toscanini den Stab nieder und ließ den Vorhang fallen. Kein Applaus, kein «kommt im nächsten Sprint». Das Publikum ging schweigend nach Hause – und wusste genau, warum es nichts mehr zu sehen gab.