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Die Prüfung

Budgetmanagement

Am 30. September 1791 hob sich im Wiener Freihaustheater der Vorhang für eine Oper, in der drei Prüfungen über alles entscheiden. Schweigen, Feuer, Wasser. Die «Zauberflöte» wird in dieser Woche 235 Jahre alt, und selten hat ein Jubiläum so gut in den Kalender gepasst. Denn in Stuttgart hat man gerade beschlossen, ebenfalls zu prüfen.

Geprüft wird die Sanierung des Littmann-Baus von 1912, eines denkmalgeschützten Hauses, das seit Jahren dringend Hilfe braucht. 2019 hieß es: rund eine Milliarde Euro. Heute rechnet der SWR mit etwa zwei Milliarden, eine offizielle Zahl gibt es nicht. Das Interim, das Ausweichquartier für rund zehn Jahre Bauzeit, ist auf höchstens 289 Millionen gedeckelt. Sein Baustart ist von 2026 auf 2028 gerutscht, die erste Vorstellung dort ist für 2033 vorgesehen. Ministerpräsident Özdemir und Oberbürgermeister Nopper wollen jetzt «alle Fakten auf den Tisch»: Sanierung, Interim, Neubau.

Um es gleich zu sagen: Die Prüfung ist richtig. Sie kommt nur ein paar Jahre zu spät.

Eine Verdopplung ist kein Nachtrag

Es gibt Lenkungsgremien, die eine Budgetverdopplung «Fortschreibung» nennen. Fortschreibung ist, wenn der Tenor einen Takt länger hält. Eine Verdopplung ist ein anderes Stück.

Der PMI-Standard sagt es nüchterner: Ein Projekt existiert, um Wert zu liefern. «Focus on Value» gehört zu seinen Grundprinzipien. Der Business Case ist darum kein Dokument für die Premierenfeier des Projektstarts, sondern ein Versprechen, das an jedem Phasenübergang neu eingelöst werden muss. Ändert sich eine tragende Annahme, also Kosten, Termin oder Nutzen, dann ist die Frage «Machen wir das noch so?» keine Illoyalität. Sie ist Pflicht. In Stuttgart hat sich das Verhältnis von Geld zu Gegenwert halbiert. Wer das nicht prüft, spielt eine Partitur weiter, deren Tonart längst gewechselt hat.

Papagenos Fehler

Die «Zauberflöte» weiß, wie Prüfungen scheitern. Tamino und Papageno bekommen im Tempel eine klare Regel: schweigen. Tamino hält sich daran. Papageno plaudert beim ersten Anlass los, ausgerechnet mit einer alten Frau, die sich später als seine Papagena entpuppt. Er fällt nicht durch, weil er dumm wäre. Er fällt durch, weil er die Regel für eine Empfehlung hält.

In Stuttgart plaudern gerade alle. Die CDU verlangt einen Planungsstopp: «Wer ernsthaft prüft, darf keine Fakten schaffen.» Die Grünen wollen weiterplanen, parallel zur Prüfung, damit keine Zeit verloren geht. Beide Positionen haben einen wahren Kern. Beide reden über das Tempo der Prüfung. Über ihre Regeln redet öffentlich kaum jemand, und ein Termin für das Ergebnis ist bisher nicht genannt.

Die Regeln vor dem Feuer

Eine Prüfung, deren Kriterien erst nach dem Ergebnis feststehen, ist keine Prüfung. Sie ist ein Wunschkonzert. Drei Dinge gehören deshalb vor den ersten Gutachterauftrag.

Die erste Frage lautet: Woran messen wir? Nicht an den Baukosten allein, sondern an den Lebenszykluskosten, an den Jahren ohne eigenes Haus, am Denkmal und am Spielbetrieb. Die zweite Frage lautet: Bis wann? Im Tempel wird nicht endlos geprüft, und eine Entscheidung ohne Frist ist eine Vertagung mit Briefkopf. Die dritte Frage lautet: Was läuft weiter? Arbeit, die in jedem Szenario gebraucht wird, darf weiterlaufen. Arbeit, die eine Option vorwegnimmt, ruht. Das ist der Ausweg aus dem Streit zwischen Stopp und Weiter, und er steht in keinem Parteiprogramm.

Dazu kommt etwas, das in Stuttgart niemand gern hört. Was bereits in Planungen geflossen ist, zählt bei der Entscheidung nicht. Es ist ausgegeben, wie auch immer die Wahl ausfällt. «Jetzt haben wir schon so viel investiert» ist das Argument der versunkenen Kosten: das bequemste, das das Projektmanagement kennt, und das falscheste.

Feuer und Wasser

Tamino besteht die letzten Prüfungen nicht allein. Pamina geht mit ihm durch Feuer und Wasser, und die Flöte spielt dazu. Mozart und Schikaneder haben damit ein schönes Bild für Governance geliefert: Land und Stadt, Grüne und CDU, Intendanz und Bauherr gehen gemeinsam hindurch. Oder gar nicht.

Die Stuttgarter Prüfung kann gelingen. Dafür braucht sie Regeln, die vorher feststehen, eine Frist, die jemand einhält, und etwas mehr Schweigen, als derzeit im Tempel zu hören ist. Papageno bekam am Ende übrigens trotzdem seine Papagena. Ein Opernhaus mit zwei Milliarden auf der Rechnung sollte auf so viel Glück nicht wetten.