Zweihundert Partituren. Zwölf Abende.
Im Opernhaus gibt es zwei Fragen, und sie werden ständig verwechselt. Die eine lautet, wie diese «Tosca» auf die Bühne kommt — überzeugend, pünktlich, im Budget. Die andere lautet, ob sie überhaupt gespielt wird.
Die zweite Frage
Zur ersten Frage gibt es Fachliteratur in Regalmetern. Die zweite entscheidet über das Haus und wird am seltensten gestellt. Ein Haus kann jede einzelne Produktion makellos auf die Bühne stellen und trotzdem scheitern, weil es die falschen Opern gespielt hat. Eine perfekt geprobte Oper vor leerem Haus ist immer noch eine Oper vor leerem Haus.
Der Spielplan ist die Antwort auf die zweite Frage – und damit die strategische Quelle des ganzen Hauses. Hier werden die Sängerinnen verteilt, die Probenzeiten vergeben, das Geld gebunden. Alles, was später auf der Bühne geschieht, ist die Ausführung einer Entscheidung, die längst am Schreibtisch gefallen ist.
Neun Geschichten, die jeweils einen Aspekt dieses Themas behandeln. Alle sind als Artikel und als Podcast verfügbar und erscheinen in den nächsten Monaten schrittweise hier.
Neun Texte
Zweihundert Partituren, zwölf Abende
Portfolio Management
Aus «Die wichtigste Bühne ist ein Schreibtisch»
Leseprobe
Auf dem Schreibtisch des Intendanten liegen zweihundert Partituren. Im Kalender stehen zwölf Abende. Das ist, im Kern, die ganze Geschichte – alles Weitere ist Verhandlung.
Jede dieser Partituren ist ein Meisterwerk. Jede wird von irgendjemandem heiß geliebt: vom Komponisten, vom Dirigenten, von der Sopranistin, die seit zwanzig Jahren auf genau diese Rolle wartet. Zweihundert berechtigte Wünsche, zwölf freie Abende. Die Rechnung geht nicht auf, und sie wird nie aufgehen. Das ist kein Problem, das man löst. Das ist die Arbeit.
Wer hier am Schreibtisch sitzt, probt nicht. Er steht nicht am Pult, er singt keine Arie, er baut keine Kulisse. Und doch entscheidet er mehr über den Erfolg des Hauses als jeder Tenor.